Ölbergsingen & Leiden-Christi Singen
Ein einzigartiger Osterbrauch in Großarl
30. März 2026
„Merkt auf ihr Herrn und lasst euch sag´n, hat 8 Uhr gschlag´n“
Wenn diese Worte durch die Nacht klingen, beginnt ein ganz besonderer Brauch in Großarl: das Ölbergsingen und Leiden- Christi Singen. Eine jahrhundertealte Tradition, die in dieser Form wohl einzigartig in Österreich ist.
Ein Osterbrauch
der die ganze Nacht erfüllt
In den Nächten von Gründonnerstag und Karfreitag wird in Großarl der Leidensgeschichte Jesu auf ganz besondere Weise gedacht.
Von 20.00 Uhr bis 04.00 Uhr früh ziehen Sänger durch den Ort und tragen stündlich eine Strophe des traditionellen Passionsliedes vor.
So läuft der Brauch ab:
- Zu jeder vollen Stunde beginnt der Vorsänger mit dem traditionellen Ruf.
- Rund 30 Männer stimmen gemeinsam in den Gesang ein.
- Jede Stunde gibt es eine weitere Strophe, die einen Teil der Leidensgeschichte beinhaltet.
- An verschiedenen Stationen zwischen der Kirche und dem Ortszentrum wird die Strophe wiederholt.
Zwei Tage, zwei Gruppen
ein gelebtes Brauchtum
Ölbergsingen am Gründonnerstag:
Am Gründonnerstag singen die Bauern von Großarl (und Männer, die von Bauernhöfen abstammen). Der Name erinnert an das Leiden Jesu am Ölberg: ein zentraler Moment der Passionsgeschichte.
Leiden-Christi Singen am Karfreitag:
Am Karfreitag übernehmen die „Dorfer“, also die Bewohner des Dorfes. Hier stehen die Ereignisse nach dem Tod Jesu und die Hoffnung auf die Auferstehung im Mittelpunkt.
Diese Aufteilung zwischen „Bauern“ und „Dorfern“ stammt noch aus früheren Zeiten.
Heute wird sie jedoch nicht mehr streng gesehen – vielmehr steht das gemeinsame Erleben und Weitertragen dieses besonderen Brauchtums im Vordergrund.



Die Besonderheiten:
Eine Tradition, die weiterlebt
Das Besondere an diesem Osterbrauch: es gibt keine Organisation, keine Anmeldung, keine Einladung. Die Teilnahme entsteht aus der Gemeinschaft heraus und wird seit Generationen weitergegeben. So wird dieses Stück Kultur immer weitergelebt.
Es wird immer Stiller
Zu Beginn des Abends begleiten viele Zuhörer den Gesang und gehen von Station zu Station mit. Doch je später die Nacht wird, desto stiller wird es im Ort. Gerade diese ruhigen Stunden verleihen dem Brauch seine besondere Wirkung: es wird nicht für Zuhörer oder zur Unterhaltung gesungen. So entsteht Besinnung, Glaube und echte Verbundenheit.

Die Ursprünge dieses Brauchtums reichen vermutlich bis ins 18. Jahrhundert zurück. Wahrscheinlich liegt die Bedeutung in der Nacht am Ölberg: Die Jünger Jesu schliefen ein – die Sänger in Großarl hingegen bleiben bewusst wach. Ein Zeichen des Erinnerns, des Mitfühlens und des Auseinandersetzens mit der Leidensgeschichte.


